Christian Wirmer spielt Georg Büchners Novelle „L E N Z“ als Schauspielmonolog

Foto (Kerze)

Der Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz galt in seiner Jugend wie Johann Wolfgang von Goethe als literarisches Genie mit Aussicht auf eine glänzende Zukunft. Nach dem Bruch ihrer Freundschaft aber geriet Lenz mehr und mehr in Vereinzelung und Isolation. Für die geistige Enge seines streng religiösen Elternhauses und seiner Heimat in Livland war er ein zu großer Freigeist, für die Dichtergesellschaft rund um Goethe am Hof in Weimar zu wenig elegant, zu wenig höflich, zu wenig gut angezogen, schlichtweg zu arm. So blieb er zeitlebens ein Unbehauster und Unverstandener.

Wenige Jahrzehnte nach Lenz’ Tod beschreibt Georg Büchner dessen Aufenthalt im Steintal, jener kargen wie eindrücklichen Landschaft. Achtzehn Tage verbrachte Lenz dort im Hause des Pfarrers Oberlin; Tage, die in Büchners Novelle zum Sinnbild einer lebenslänglichen Suche werden und in denen sich wiederkehrende Themen und Zustände verdichten: die allmähliche Verrückung der Wahrnehmung, das Einwirken der Natur, die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeit mit den Anderen, die Zerrissenheit und Ambivalenz zwischen religiösem Wahn und Atheismus, zwischen Hybris und Selbstgeißelung, Manie und Langeweile, Traum und Wachheit.

 

“Christian Wirmer erzählte und interpretierte Georg Büchners düstere Novelle derart eindringlich, frei und gleichzeitig so ‘normal’, zeitgemäß, unpathetisch und wie gerade eben er- und durchlebt, dass sich dem niemand entziehen konnte. Ein altbekannter Text schien sich einer Metamorphose unterzogen zu haben. Verborgenes, Unbeachtetes wurde plötzlich und wie selbstverständlich sichtbar und ganz klar.” Bergsträßer Anzeiger 04.10.2011.

 

Christian Wirmer (geboren in Münster!) war u.a. am Staatstheater Hannover, am Theater Basel und am Staatstheater Darmstadt engagiert; er spielte Gastrollen in der Zeitgenössischen Oper Berlin, an der Staatsoper Hannover, der Staatsoper Stuttgart, im Schauspielhaus Bochum, im sogarTheater Zürich, im Kasemattentheater Luxemburg usw.

Eintritt: 10 €

Wirmers “Lenz” in der Kritik der “Westfälischen Nachrichten” (24.08.15)

Von Ängsten und Zweifeln gebeutelt 

Christian Wirmer überzeugte als „Lenz”

Von Isabell Steinböck

Hysterisch lachend sitzt er am Tisch, zerknüllt Papier, kritzelt hier und dort etwas hin, klebt sich gar einen Fetzen an die Stirn. Christian Wirmer verkörpert Jakob Michael Reinhold Lenz, diesen wirren, vom eigenen Dasein gebeutelten Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, dem der Dramatiker Georg Büchner einst seine einzige Erzählung, die des „Lenz”, widmete. Im improvisierten Bühnenraum des Café Arte gelingt Wirmer vor einer Handvoll Zuschauer das Kunststück, in den Text hineinzuziehen und dabei die für einen Erzähler nötige Distanz zu wahren,

Mal beschränkt er sich auf Beschreibung, mal scheint er in der Rolle des schreibenden Naturliebhabers, der sich ins Bergdorf Waldbach zu Pfarrer Oberlin flüchtet, völlig aufzugehen. Als Lenz durchlebt Wirmer in eineinhalb Stunden sämtliche Höhen und Tiefen einer psychisch angeschlagenen Künstlernatur und leiht auch Nebenfiguren seine Stimme. Mit wenigen Requisiten lotet der Schauspieler sämtliche Stimmungen aus, wenn er diabolisch flüstert, zutiefst verletzt schreit oder hörbar nach Atem ringt, gebeutelt von Ängsten und Zweifeln an Gott und der Welt.

Christian WWirtner, der als freischaffender Schauspieler in Darmstadt lebt, war es als gebürtigem Münsteraner ein Anliegen, in seiner Heimatstadt aufzutreten, zumal sein erster Kontakt zu Büchners Werk hier zustande kam — in den 1970er Jahren, als Schüler des Gymnasiums Paulinum, wie er vor der Vorstellung erzählte. Ein fantasievoller, langhaariger „Nach68er” sei er damals gewesen. Die Lehrer erlebte er rigide, den Unterrichtsstil verknöchert. Erst eine Gast-Dozentin der Uni Münster vermochte den Jugendlichen zu begeistern: „Büchner hat mich gepackt.” Knapp 100 Mal hat er das Stück bis dato gespielt.

Mag die Erzählung mit ihren teils braven, religiösen Figuren auch auf Distanz halten, in seiner hilflosen Verzweiflung rückt der Protagonist umso näher — ein starkes Solo.